Anthroposophische Gesellschaft und
Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft

Mit der bevorstehenden Generalversammlung scheint die Gesellschaft doch an einem wichtigen Entscheidungspunkt zu stehen, der für die weitere Entwicklung von grosser Bedeutung sein kann. Als wesentliche Aspekte sind da zu nennen:

  • Die vorgesehene Aufhebung des Beschluss von 1935 zur Rehabilitierung von Ita Wegman und Elisabeth Vreede. Dabei geht es insbesondere auch darum, wie sich die Gesellschaft zu ihrer eigenen Geschichte stellt. Es ist eben auch eine Rehabilitierung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, denn diese hat sich durch ihre Organe Vorstand und Generalversammlung 1935 in fragwürdiger Art und Weise verhalten. Heute steht nun die Frage an, wie wir das damalige Geschehen und Verhalten bewerten und ob bei uns eine Bereitschaft besteht, geschehenes Unrecht anzuerkennen und damit die moralische Integrität unserer Gesellschaft in dieser Angelegenheit wieder herzustellen. Dies wird von entscheidender Bedeutung für die Zukunft sein.
  • Durch die Zäsur wird der Fokus gelegt auf bestehende Gegensätze wie Erneuerung vs. Kontinuität oder Einfluss der Mitglieder auf die Geschicke der Gesellschaft vs. weiterer zentralistischer Führung. Dies drückt sich aus und spitzt sich zu in der Tatsache, dass die Mitgliedschaft in keinster Weise inhaltlich in die Überlegungen zur Fragestellung einer weiteren Amtszeit von Bodo von Plato und Paul Mackay einbezogen bzw. informiert wurde. Für den Rechenschaftsbericht für die letzten 7 Jahre Amtszeit sind an der Generalversammlung gerade einmal je 5 Min.[1] Eine ganz neue Dimension in unserer Gesellschaft stellt auch die Art der „Wahlwerbung“ in der Wochenschrift[2] und im Internet[3] in Form von gegenseitigen Belobigungen dar. Die Tatsache, dass sich die Gesellschaft und das Goetheanum nach 17- bzw. 22jähriger Amtszeit dieser beiden massgeblichen Vorstandsmitglieder in jeder Hinsicht in einer existenziellen Krise befindet, wurde dabei vollkommen ausgeblendet. Die Mitgliedschaft soll nun in blindem Vertrauen der Empfehlung des Vorstandes, der Goetheanum-Leitung und der Generalsekretäre folgen[4]. Was ist aus der Gesellschaft geworden, die eine Erkenntnisgemeinschaft im Zeitalter der Bewusstseinsseelenentwicklung sein sollte?
  • Über die Wege, Massnahmen und Projekte, mit denen die Gesellschaft aus der Krise geführt und zukunftsfähig gemacht werden soll, wird von jenen Kreisen und Funktionären entschieden, welche die Gesellschaft in die Krise geführt haben. Rückschau und Rechenschaft darüber erfolgt allenfalls intern, nicht gegenüber der Mitgliedschaft. Diese wird zumeist nicht einbezogen und erst informiert, wenn Entscheidungen getroffen worden sind bzw. sich bereits in Umsetzung befinden (siehe z.B. Goetheanum-Assoziation, Antrag 6 zur diesjährigen Generalversammlung). Über das Projekt „Goetheanum in Entwicklung“ wird nicht vollständig informiert, bei der Veröffentlichung wurden wesentliche Teile weggelassen und Nachfragen nicht beantwortet. Damit ist im Grunde für die Mitgliedschaft die Zukunft der Gesellschaft ungewiss und es wird erwartet, dass man sich auf die Funktionäre verlassen möge, „sie werden schon alles richtig machen“.
  • Für die bevorstehende Generalversammlung ist von der Gesellschaftsleitung ein Zeitkorsett vorgeben worden, dass eine angemessene Behandlung aller Tagesordnungspunkte nicht ermöglicht. Letzteres war von der Leitung auch nicht beabsichtigt, sondern es sollte eine „schlanke“ Generalversammlung in eine Tagung „als Fest der Begegnung“ eingebettet werden. Als Grund für diese Gestaltung wurde angegeben, dass insbesondere viele Mitglieder aus der Peripherie eine solche Gestaltung wünschen würden und Generalversammlungen, wie sie sonst üblich sind, ablehnen. Derartige Argumentationen sind nicht neu, allerdings blieben die Mitglieder, die diese Wünsche haben, immer im Hintergrund, äusserten sich nicht selber, nicht durch Beiträge und auch nicht durch Anträge an der Generalversammlung.[5] Warum bringen sie sich nicht aktiv ein? Es drängt sich die Frage auf, ob  es sie überhaupt in relevanter Anzahl gibt. Die Gesellschaft lebt davon, dass sich die Mitglieder aktiv einbringen. Die kommende Generalversammlung ist nach dem Wunsch dieser unbekannten Mitglieder gestaltet. Nun muss sich zeigen, wie die wirklichen Verhältnisse sind.

Damit stehen an der diesjährigen Generalversammlung wichtige und zukunftsgestaltende Richtungsentscheidungen an, allem voran die Frage, ob die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft eine Funktionärs-Gesellschaft[6] bleiben soll oder ob die Mitgliedschaft ihre Verantwortung für die Geschicke der Gesellschaft ergreifen  und an der zukünftigen Entwicklung mitwirken will. Und damit auch die Frage, ob wir in unserer Gesellschaft, auch als Beitrag zur Lösung der weltweiten Krisen im Zusammenleben der Menschen, durch Mitglieder-Initiative in unserer Gesellschaft konstruktive Lösungsbeiträge entwickeln möchten, oder ob wir uns auch weiterhin den veralteten Formen[7] einer zentralistischen Führung anvertrauen wollen, in der Hoffnung, dass „die da oben es schon richten werden“?

So kann man hoffen, dass es eine aktive und rege Beteiligung der Mitgliedschaft an dieser Generalversammlung geben wird. Die Ausdehnung auf 3 Tage ist gewiss für viele ungünstig. Allerdings werden nach der vorliegenden Planung die Beschlüsse alle erst am Samstag gefasst werden.

Thomas Heck, 17. März 2018

[1] Aus einem internen Ablaufplan, Stand 12.3.2018, der sich noch ändern kann. Allerdings korrespondiert diese Zeiteinteilung mit der veröffentlichten Zeiteinteilung in “Anthroposophie weltweit” 1-2/18.

[2] „Das Goetheanum“, Nr. 10, 2018

[3] https://dasgoetheanum.com/schwerpunkte/2018/3/9/interview-mackay-plato

[4] Dabei darf nicht übersehen werden, dass es auch intern kritische Stimmen gegenüber einer weiteren Amtszeit gibt. Diese Tatsache wurde inzwischen aus der Berichterstattung vollkommen eliminiert. Dokumentation hierzu in “Ein Nachrichtenblatt” PLUS I vom 11. März 2018 oder http://www.wtg-99.com/wp-content/uploads/2018/03/180311_ENB_PLUS_I_Zäsur.pdf

[5] Ich habe inzwischen sehr viel Korrespondenz mit Mitgliedern. Allerdings ist mir die dargestellte Argumentation bisher bei Mitgliedern nicht begegnet.

[6] Abgesehen von dem Verhalten der Gesellschaftsleitung geht dies eindeutig aus den ersten Sätzen Paul Mackays in dem erwähnten Interview sowie aus dem Beitrag „Zäsur von Paul Mackay und Bodo von Plato“ von Justus Wittich, “Anthroposophie weltweit” 1-2/18 hervor. Zudem vergegenwärtige man sich die § 8 und 12 in den Statuten (AAG).

[7] Die Gestaltung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft kann nicht auf Rudolf Steiner zurückgeführt werden, da es sich bei der Gesellschaft um den umbenannten Bauverein handelt, der nie als Mitgliedergesellschaft vorgesehen war. Die entscheidenden Regelungen, die zur heutigen Struktur geführt haben, wurden beginnend 1935 (Kooptionsprinzip) nach und nach statuarisch verankert. Näheres hierzu auf www.gv-2018.com.